Ungereimtheiten bei den Musketieren

  • Habe mir einige verschieden Übersetzungen der Musketiere und deren Fortsetzungen durchgeblättert. Dabei sind mir mehrere inhaltliche Ungereimtheiten aufgefallen. Ich würde sie gern mit euch teilen und diskutieren, falls jemand Interesse hat. Zitate aus dem Original oder Übersetzungen sind willkommen. :)

  • Los geht's:


    Der Freibrief, welcher der Kardinal an Mylady ausstellt wird in den "Musketieren" 3 mal zitiert.
    Das erste mal, als Athos ihn Mylady abnimmt.
    Das zweite mal, als d'Artagnan ihn von Athos bekommt.
    Das dritte mal, als d'Artagnan ihn dem Kardinal zurückgibt.


    Ich hab mir die Mühe gemacht im Original von 1844 zu schmökern (gib's online), obwohl ich kein Französisch kann. Also so sieht es aus:


    Capitre XLV
    « C’est par mon ordre et pour le bien de l’État que le porteur du présent a fait ce qu’il a fait.
    3 décembre 1627.
    Richelieu »


    Capitre XLVII
    « C’est par mon ordre et pour le bien de l’État que le porteur du présent a fait ce qu’il a fait.
    5 décembre 1627
    Richelieu »


    Capitre LXVII
    « C’est par mon ordre et pour le bien de État que le porteur du présent a fait ce qu’il a fait.
    Au camp devant La Rochelle, ce 5 août 1628.
    Richelieu. »


    Der Wortlaut ist nahezu identisch. Sagen wir mal Athos und d'Artagnan haben die letzte Zeile beim Vorlesen übersprungen. Und "État" statt "l’État" ist ein Druckfehler.
    Was aber an allen drei Stellen verschieden kommt, ist das Datum.


    Hat Dumas nicht aufgepasst, hat er sich beeilt?


    So, jetzt aber der Clou: :D 
    Bei der Zoller-Übersetzung scheint das jemandem aufgefallen zu sein, denn siehe:


    »Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Inhaber dieses gethan, was er gethan hat.«
    Den 3. August 1628.
    Richelieu.«


    »Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Inhaber gethan, was er gethan hat.
    Den 3. August 1628.
    Richelieu.«


    »Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Träger des Gegenwärtigen gethan, was er gethan hat.
    Im Lager von Rochelle, den 3. Aug. 1628.
    Richelieu.«


    Komischerweise ändert hier der Text. Na schön, eine Übersetzung desselben Wortlauts kann verschieden ausfallen. Wie kann es aber sein, dass jemand das Datum korrigiert, den Text aber nicht angleicht?
    Was darf ein Übersetzer überhaupt und was nicht? :S

  • Das ist jetzt lustig und mir noch nie aufgefallen :whistling: - ich guck gleich mal nach, ich hab die Bouquins Ausgabe, die ist so ziemlich die umfangreichste, weil die Herausgeber Briefe und Schriftstücke von Dumas eingearbeitet und das mit Fußnoten dokumentiert haben. Die Szene in Roche l´Abeille zum Beispiel wurde ja vom Siècle drastisch zensiert, in der Bouquins-Ausgabe wurde sie nach den Handschriften von Dumas gedruckt. Ah, und guck an, die haben das Datum auf den 3. Dezember 1627 gelegt (also ganz am Ende, als d´Artagnan den Brief Richelieu zeigt), mit dem Hinweis, in der Originalausgabe stünde der 5. August 1628. Also eine intelligente Korrektur. Mit dem Hinweis auf die Originalausgabe find ich das in Ordnung, aber ohne den Hinweis fänd ich das nicht ok. Denn das entspricht ja nicht mehr dem Originaltext

    Wenn es morgens um sechs an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe (W. Churchill)

  • Ok, das Angleichen des Datums macht schon Sinn, auch wenn manche es für einen Frevel halten, Klassiker beim Übersetzten zu korrigieren.
    Die grosse Frage wäre also: Welches Datum ist das richtige?


    Im Original fand ich im Text diesen Hinweis:


    CHAPITRE XLI
    LE SIÈGE DE LA ROCHELLE
    ...
    Or, où s’arrêtait le roi s’arrêtaient les mousquetaires ; il en résultait que d’Artagnan, qui était purement et simplement dans les gardes, se trouvait séparé, momentanément du moins, de ses bons amis Athos, Porthos et Aramis ; cette séparation, qui n’était pour lui qu’une contrariété, fût certes devenue une inquiétude sérieuse s’il eût pu deviner de quels dangers inconnus il était entouré.
    Il n’en arriva pas moins sans accident au camp établi devant La Rochelle, vers le 10 du mois de septembre de l’année 1627.


    Ist in der englischen Übersetzung auch so beibehalten worden:


    Now, whenever the king halted, the Musketeers halted. It followed that d’Artagnan, who was as yet purely and simply in the Guards, found himself, for the time at least, separated from his good friends--Athos, Porthos, and Aramis. This separation, which was no more than an unpleasant circumstance, would have certainly become a cause of serious uneasiness if he had been able to guess by what unknown dangers he was surrounded.
    He, however, arrived without accident in the camp established before La Rochelle, on the tenth of the month of September of the year 1627.


    Und jetz der Clou: in der Zoller-Übersetzung fehlt dieses Datum! Warum wohl? ;(


    Wo der König stille hielt, mußten auch die Musketiere verweilen. Dadurch geschah es, daß d'Artagnan, der ganz einfach bei den Garden war, sich wenigstens für den Augenblick von seinen Freunden Athos, Porthos und Aramis getrennt sah. Diese Trennung, welche für ihn nur eine Unannehmlichkeit war, würde ihm gewiß zu ernstlicher Unruhe gereicht haben, wenn er die unbekannten Gefahren hätte ahnen können, von denen er umgeben war. Dessenungeachtet langte er in dem vor La Rochelle aufgeschlagenen Lager an.


    Aber wenn die Musketiere und die Garden im September 1627 in La Rochelle angekommen sind ist es logischer, dass der Brief Richelieus im Dezember 1627 und nicht im August 1628 ausgestellt wurde.
    Naja, gute Action-Literatur muss nicht logisch sein. :thumbsup:

  • Buckingham wurde am 23. August 1628 ermordet, also macht ein Datum im August auf Richelieus Freibrief wohl mehr Sinn, anstatt mehr als ein halbes Jahr zwischen der Szene Mylady/Richelieu und Feltons Attentat auf den Premierminister verstreichen zu lassen?


    Die Sache mit den verschiedenen Daten ist mir bisher nie aufgefallen :whistling: :whistling: :whistling: ; ich hatte mich bloß gewundert, warum die Chevreuse in der französischen Online-Ausgabe von 1849 im Kapitel 48 (Affaire de famille) mit Marie Michon unterschreibt, in der französischen texte intégral-Ausgabe von 2011 (erschienen im Pocket-Verlag) aber mit Aglaé Michon :huh: 

  • Buckingham wurde am 23. August 1628 ermordet, also macht ein Datum im August auf Richelieus Freibrief wohl mehr Sinn, anstatt mehr als ein halbes Jahr zwischen der Szene Mylady/Richelieu und Feltons Attentat auf den Premierminister verstreichen zu lassen?


    Ja, da hast Du recht.
    Vielleicht hat der Zoller genau aus diesem Grund das Ankunftsdatum d'Artagnans in La Rochelle im September 1627 weggekürzt. Um ihn nicht ein ganzes Jahr die Hugenotten belagern zu lassen. :rolleyes:

  • ... ich hatte mich bloß gewundert, warum die Chevreuse in der französischen Online-Ausgabe von 1849 im Kapitel 48 (Affaire de famille) mit Marie Michon unterschreibt, in der französischen texte intégral-Ausgabe von 2011 (erschienen im Pocket-Verlag) aber mit Aglaé Michon :huh: 


    In der epub Ausgabe bei der als Jahr 1844 angegeben ist, lautet die Unterschrift ebenfalls Aglaé Michon. Da hat wohl ein Dumas Lehrling nicht aufgepasst. :D

  • Um ihn nicht ein ganzes Jahr die Hugenotten belagern zu lassen.

    :thumbup: Ja, das scheint mir plausibel!
    Was den Namen Aglaé betrifft so ist er vermutlich ein Pseudonym für die Königin: Im Brief der Chevreuse an Aramis (Kap. Affaire de famille), der in meiner Textausgabe mit Aglaé Michon unterschrieben ist, heißt es: Mon cousin, ma soeur et moi devinons très bien les rêves usw. Es ist also hier von zwei Schwestern die Rede, die niemand anderer sein können als die Chevreuse alias Marie Michon und ihre königliche Busenfreundin alias Aglaé Michon. Entweder unterzeichnet die Chevreuse hier im Namen ihrer "Schwester", oder es handelt sich schlicht um einen Irrtum...

    Troja stand in Flammen. Alles war im A**** (Homer, Ilias, 1. Versuch)

    Einmal editiert, zuletzt von Aramis ()


  • Was den Namen Aglaé betrifft so ist er vermutlich ein Pseudonym für die Königin: Im Brief der Chevreuse an Aramis (Kap. Affaire de famille), der in meiner Textausgabe mit Aglaé Michon unterschrieben ist, heißt es: Mon cousin, ma soeur et moi devinons très bien les rêves usw. Es ist also hier von zwei Schwestern die Rede, die niemand anderer sein können als die Chevreuse alias Marie Michon und ihre königliche Busenfreundin alias Aglaé Michon. Entweder unterzeichnet die Chevreuse hier im Namen ihrer "Schwester", oder es handelt sich schlicht um einen Irrtum...

    Hihi, auch hier haben die Übersetzer korrigiert, jedenfalls einige.
    In der einen englischen Übersetzung von Richard Pevear, kommt Aglaé Michon, so wie bei dir, einmal vor. In der vom Zoller übrigens auch.
    In der anderen englischen ist nur von Marie die Rede, keine einzige Aglaé Michon. :D 
    Und jetz halte dich fest. Ich habe auch eine russische Übersetzung aufgetrieben und dort ist nur von Aglaé Michon (Аглая Мишон) die Rede, kein einziges mal von Marie. :D

  • Zitat von admiral: Ich habe auch eine russische Übersetzung aufgetrieben und dort ist nur von Aglaé Michon (Аглая Мишон) die Rede, kein einziges Mal von Marie.


    8o Echt? Unglaublich! :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: Offenbar entschloss man sich zwecks Vermeidung von Konfusion in den diversen Ausgaben, die beiden "Schwestern" auf eine zu reduzieren. Hm, ich frag mich grad, welcher Name in der allfälligen russischen Ausgabe der VAA stehen mag? (z.B. Kap. 22 Une aventure de Marie Michon) :D


    Puh, jetzt muss ich aber wirklich ins Bett, sonst bin ich morgen (oder vielmehr heute) streichfähig :S :S :S

  • 8o :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: Unglaublich 8o 8o 8o 8o ich guck wieder mal in meine Bouquins-Ausgabe: Also, da steht Marie Michon - also Aramis schreibt an Marie Michon, während ihm alle über die Schulter gucken :D - und als Anmerkung steht drunter, dass in der Originalausgabe Aglaé Michon gestanden habe. Die Bouquins-Ausgabe bezieht sich bei diesem Kapitel auf die Texte von Maquet, das stand ganz am Anfang mit dabei, und bei der Fußnote zu Aglaé Michon steht, dass Dumas hier den Vornamen seiner ersten Geliebten verwendet habe, einer Aglaé Tellier, die auch Wäscherin war. Als Marie zurückschreibt, unterschreibt sie mit Marie Michon.

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  • Hm, gibt es in den 3M noch mehr solche Ungereimtheiten? Mir fällt jetzt bloß die Stelle im Kap. 11, L`intrigue se noue, ein, wo erwähnt wird, dass Aramis an jenem Abend, an dem Constance Buckingham in den Louvre geleitet, zusammen mit Porthos im Pomme de Pin sitzt, um auf d`Artagnan zu warten - im Kap. 15, Gens de robe et gens d`épée, wird jedoch erklärt, Aramis hätte bei Tréville offiziell 5 Tage Urlaub genommen, um sich in Rouen um dringende Familienangelegenheiten zu kümmern. Bitte, warum ist er so bescheuert und sucht ausgerechnet das Pomme de Pin auf, das erklärte Stammlokal der Musketiere, wo jeder seiner Kameraden ihn sofort erkennen kann??? Wenn man schon den Dienst schwänzt, dann sollte man sich doch nicht unbedingt dort aufhalten, wo die eigenen Kameraden bevorzugt verkehren?

  • Hat er nicht danach Urlaub genommen?

    Für mich hört sich das so an, als ob Aramis schon zuvor Urlaub genommen hätt:
    Le lendemain du jour où ces événements étaient arrivés, Athos n’ayant point reparu, M. de Tréville avait été prévenu par d’Artagnan et par Porthos de sa disparition. 
    Quant à Aramis, il avait demandé un congé de cinq jours, et il était à Rouen, disait-on, pour affaires de famille.


  • Ja, stimmt, ich hab´s grad nachgelesen, das passt nicht zusammen :huh: genausowenig wie die Sache mit dem Ring :wacko:

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  • ;) Vermutlich sind solche Ungereimtheiten u.a. auch eine Folge literarischer Co- Produktion, es können ja nicht allein die diversen Übersetzer und Herausgeber dran schuld sein. Hm, gibt`s sonst noch so ungereimte Stellen in den 3M??

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