Schreckgespenster

  • Rochefort


    Ja, Buckingham fand ich auch ganz schrecklich unsympathisch beim Lesen, ich hatte das Gefühl, dass der Herzog auf dem totalen Egotrip war, und glaubte, die Königin auf jeden Fall besitzen zu müssen. Dass er sie durch seinen Besuch im Louvre in große Gefahr brachte, schien ihn gar nicht zu interessieren.
    Monsieur Bonacieux gehört auch nicht unbedingt zu meinen Lieblingen im Roman, ich denke, ihn kümmerte das Schicksal seiner Frau gar nicht mehr so sehr, nachdem der Kardinal ihm einen dicken Beutel voller Münzen gab, um sie zu bespitzeln, er verriet sie schließlich sogar für dieses Geld, und ist ja für ihre Entführung verantwortlich gewesen. :thumbdown:
    König Louis wiederrum ist im Roman sehr launisch, eine richtige männliche Zicke, und er merkte nicht einmal, was für ein perfides Spiel der Kardinal trieb.

  • @Alienor


    Ich finde Buckingham unglaublich skrupellos und zugleich heuchlerisch. Wie kann er behaupten, die Königin über alles zu lieben und zugleich riskieren, dass sie wegen Ehebruchs verstoßen oder vielleicht gar des Hochverrats angeklagt wird?


    Bonacieux ist feige und berechnend - er würde vermutlich sogar seine eigene Großmutter verkaufen. Und zudem ist er auch noch dumm und leicht zu übertölpeln.


    Der historische König Louis XIII. war durchaus eine interessante Persönlichkeit und gar kein so schlechter König, während der König bei Dumas für mich nicht dem Bild eines guten Herrschers entspricht. Er ist schwach, manchmal naiv und sehr leicht zu manipulieren.

  • Rochefort


    Ja, stimmt, und er war ja richtig aufdringlich, als er die Königin im Louvre aufsuchte, gab erst Ruhe, als sie ihm das Diamantenhalsband als Pfand überließ...daran, dass das der Königin zum Verhängnis werden könnte, dachte er gar nicht. Wenn er sie nicht um dieses Pfand gebeten, ja sie regelrecht dazu genötigt hätte, dann wäre es gar nicht zu der Diamanthalsbandaffaire gekommen.
    Das stimmt, Bonacieux war nicht nur berechnend, sondern auch sehr dumm und naiv, er stellte sich ja gleich auf die Seite des Kardinals, als der ihm einen Beutel Münzen gab, und nannte ihn den großen Kardinal.
    Über den historischen Louis XIII weiss ich nicht viel, finde aber, dass er auf den Portraits durchaus nicht wie der schwächliche Herrscher, der sich vom Kardinal abhängig macht, aussieht, sondern wie ein Monarch, der weiss was er will. Im Roman dagegen lässt er sich wirklich vom Kardinal manipulieren ohne es zu merken.

  • @Alienor


    Was König Louis XIII. betrifft, so weiß ich über ihn relativ viel aus der großen Richelieu-Biografie von Carl Burckhard. Was mir an Louis wirklich imponiert, ist, dass er die Größe hatte, die Fähigkeiten Richelieus anzuerkennen. Der Kardinal war dem König an politischem Geschick bei weitem überlegen. Viele Könige hätten auf eine solche Tatsache vielleicht mit Eifersucht reagiert und sich gesagt: "Ich bin der König, ich entscheide wie ich will und lasse mir nichts dreinreden." Aber Louis war bewusst, dass es zum Wohle Frankreichs war, wenn er einen Mann wie Richelieu zu seinem 1.Minister machte und auf seinen Rat hörte. Trotzdem hatte der König aber seinen eigenen Willen und ließ sich nicht wie eine Marionette behandeln. Man kann sagen, dass der Kardinal und der König wechselseitig voneinander abhängig waren: Louis brauchte den Kardinal als klugen Ratgeber und Richelieu brauchte den Schutz des Königs, denn er hatte so viele Feinde, dass diese in sofort erledigt hätten, wenn der König ihm seine Gunst entzogen und ihn fallen gelassen hätte.

  • Rochefort


    Dann war Dumas in dieser Hinsicht wohl nicht historisch korrekt...bei ihm ist der König ja eher eine weitestgehend willenlose Marionette des Kardinals, das zeigt auch die Stelle, an der er den Kardinal fragt, wann der Ball stattfinden soll, anstatt selbst einen Termin festzulegen.
    Was du schreibst stimmt wohl, die beiden waren wohl wirklich voneinander abhängig, und der eine profitierte vom anderen. Richelieus Feinde hätten ihn ja ohne Probleme ermorden lassen können, wenn er nicht unter der Protektion des Königs gestanden hätte..aber einen Mann, der Schutz und Gunst des Herrschers genoss, konnte man nicht so einfach ermorden. Was ich mich immer frage...gab es auch in Wirklichkeit eine so starke Antipathie zwischen Kardinal und Königin, oder ist auch das reine Fiktion?
    Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass es diese Diamantenhalsbandaffaire wirklich gegeben haben soll, und die Diamenten in letzten Moment aus England zurückgeholt wurden, wobei nicht bekannt ist, wer sie zurückholte.
    Ist eigentlich historisch belegt, wie Königin und Kardinal zueinander standen?

  • @Alienor


    Auch wenn der König den Kardinal nie endgültig fallen ließ - manchmal war es sehr knapp davor, weil auch Louis eben nicht unbeeinflussbar war durch die immer neuen Intrigen, die sich Richelieus Gegner ausdachten. Es gab zahlreiche Verschwörungen und Anschläge gegen den Kardinal. Wenn er nicht den vermutlich damals besten "Geheimdienst" Europas, also ein wahres Heer von Spionen und Informanten, gehabt hätte, die es ihm ermöglichten, seinen Gegnern fast immer einen Schritt voraus zu sein, dann hätte er wohl nicht überlebt. Die historische Wirklichkeit ist diesbezüglich mindestens genauso spannend, wie die Romane von Dumas.


    Die Antipathie zwischen Kardinal und Königin ist keine Fiktion. Richelieu war ein politischer Gegner Spaniens, er wollte die Vormachtstellung der Spanier in Europa zugunsten Frankreichs brechen. Doch Königin Anna war Spanierin und fühlte sich trotz ihrer Ehe mit Louis, die ja nicht glücklich war, immer ihrem Heimatland verbunden. Deshalb versuchte sie die Pläne des Kardinals zu hintertreiben und dieser wiederum versuchte sie soweit wie möglich politisch schachmatt zu setzen. Die Feindschaft zwischen den beiden gab es also wirklich.


    Die Affäre mit den Diamantnadeln hat historisch auch stattgefunden, das habe ich auch gelesen.

  • Rochefort


    Da stimme ich dir voll und ganz zu...ich denke auch, dass die historische Wirklichkeit mindestens genauso spannend ist wie Dumas Romane, und dass Dumas sich auch stark an der Historie orientiert hat.
    Ich habe auch mal irgendwo gelesen, dass der Kardinal an jedem europäischen Hof Spione gehabt hätte...wahrscheinlich konnte er wirklich nur so von Intrigen, die an den Höfen gegen ihn geschmiedet worden sind, erfahren. Ich frage mich oft, ob eine der historischen Spioninnen des Kardinals die Vorlage für Mylady war.
    Dass die Ehe des Königspaares unglücklich war, das wundert mich nicht, denn das waren ja damals alles nur Zwangsehen, die geschlossen wurden, um neue Bündnisse einzugehen. Und für die Königin war es bestimmt nicht einfach, einen so starken Gegner wie den Kardinal zu haben.
    Was ich mich ja auch schon immer gefragt habe..und was wohl niemals ein Historiker aufklären wird...ob der König wirklich der Vater von Louis XIV war?
    Mir erscheint das doch merkwürdig, dass das Königspaar nach 23 Jahren kinderloser Ehe innerhalb von zwei Jahren gleich zwei Söhne bekam. Ich vermute mal, dass die Königin irgendeinen heimlichen Liebhaber hatte, der mit ihr diese Kinder gezeugt hat. Aber damals war Richelieu wohl schon zu krank, um dieser Sache noch nachgehen zu können.

  • @Alienor
    ich hab irgendwo gelesen, dass Lady Carlisle (die Geliebte Buckinghams, die dann auf Anne d´Autriche sehr eifersüchtig war, als Buckingham sich in diese verliebte) das Vorbild für Mylady abgegeben haben soll.

  • @Alienor


    In der Richelieu-Biografie wird Lady Carlisle auch erwähnt und sie hat angeblich zeitweise für Richelieu gearbeitet. Sie dürfte also tatsächlich das Vorbild für Mylady gewesen sein.


    Ob der König tatsächlich der Vater von Louis XIV. war, das habe ich mich auch schon oft gefragt. Sicher bin ich mir nicht. Auf der anderen Seite wäre es für die Königin extrem schwierig gewesen, sich einen Liebhaber zu nehmen, ohne dass jemand dahinter kommt. Ein Mensch wie sie war fast nie alleine, immer von Bediensteten und Höflingen umgeben, die sicher nicht alle "dicht gehalten" hätten... Was den Kardinal betrifft - selbst wenn er dahinter gekommen wäre, dass das Kind nicht legitim ist, ich glaube nicht, dass er das öffentlich gemacht hätte. Denn es hätte den ganzen Staat in eine Krise stürzen und einen Kampf um die Thronfolge auslösen können. Und das hätte Richelieu am allerwenigsten gewollt, genauso wenig, wie er den Bruder des Königs, Gaston, als Thronfolger wollte.

  • Aramis   Rochefort


    Ich hab den Namen mal gegoogelt, und denke auch, dass Lady Carlisle durchaus als Vorlage für Mylady gedient haben könnte. Es sind durchaus ein paar Ähnlichkeiten zu Mylady erkennbar, und wie es scheint war diese Lady Carlisle auch wirklich in die Diamentenhalsbandaffaire verwickelt.


    Rochefort


    Das stimmt, eigentlich war die Königin ja fast rund um die Uhr unter Beobachtung, da war es eigentlich unmöglich für die sie, sich einen Liebhaber zu nehmen. Also ist die Wahrscheinlichkeit wohl doch nicht sehr groß, allerdings ist es schon verdächtig, dass er erst nach 23 Ehejahren zur Welt kam. Das stimmt, der Kardinal hätte ja nichts davon gehabt, das öffentlich zu machen, denn letztendlich war er ja Günstling des Königs, und wenn er so etwas öffentlich gemacht hätte, hätte er es sich auch mit dem König verscherzt. Denkbar wäre auch, dass der König, dem ja nachgesagt wird, dass er homosexuell war, diesen Sohn nicht selbst zeugen konnte oder wollte, und diese Aufgabe an einen seiner Liebhaber übertrug...das hätten dann bei Hofe nur sehr wenige Menschen mitbekommen.

  • @Alienor


    Diese 23 kinderlosen Ehejahre der Königin geben natürlich jede Menge Raum für Spekulationen. Man muss aber auch bedenken, dass König und Königin kein gutes Verhältnis zueinander hatten und sich demensprechend meines Wissens oft über einen langen Zeitraum gar nicht persönlich sahen. Es kann also durchaus sein, dass es in diesen 23 Jahren gar nicht so viele Gelegenheiten gegeben hat, wo ein Kind gezeugt werden konnte und es deshalb so lange dauerte, bis eine Schwangerschaft zustande kam. Dass der König ihr selbst einen Liebhaber "ins Bett gelegt" hat, kann ich mir persönlich irgendwie nicht vorstellen. Aber 100% ausschließen kann man es natürlich auch nicht. Auf jeden Fall lässt dieses Thema viel Spielraum für die Phantasie zu - da könnte man direkt auch einmal eine Fanfiction daraus machen...

  • Rochefort


    Das es keine glückliche Ehe war, ist nicht verwunderlich, denn es war ja, wie damals üblich, eine Zwangsehe. Wahrscheinlich waren sie dann beide froh, wenn sie sich nicht so oft sehen mussten, und nutzten sogar Möglichkeiten, um sich aus dem Weg zu gehen. Stimmt, es wäre interessant, mal eine Fanfiction dazu zu schreiben...daraus ließe sich so einiges machen. Ich halte es durchaus für möglich, dass der König ihr selbst einen Liebhaber ins Bett legte, allerdings nur gesetzt des Falles, er wäre zeugungsunfähig gewesen, was er gemerkt hätte, wenn es über 20 Jahre lang nicht funktioniert hätte ein Kind zu zeugen, und da er nicht wollte, dass sein jüngerer Bruder sein Thron erbte, die beiden sollen kein gutes Verhältnis gehabt haben, wäre es auch möglich, dass er jemand anderem die Zeugung des Kindes überlassen hätte.
    Aber das interessante an der Historie ist ja, dass niemand genau weiss, was geschehen ist, das macht es ja gerade so spannend.

  • Nur ein kleiner Einwurf: Die Halsbandaffäre betraf Marie Antoinette und ist historisch, die Affäre mit den Diamantspangen hat - glaube ich - auch historische Hintergründe. Aber es sind zwei verschiedene Affären.

    Wenn es morgens um sechs an meiner Tür läutet und ich kann sicher sein, dass es der Milchmann ist, dann weiß ich, dass ich in einer Demokratie lebe (W. Churchill)

  • Der Duc de La Rochefoucauld erwähnt die Affäre mit den diamantenen ferrets der Königin in seinen Memoiren, ebenso wie diese gewisse Lady Carlisle, die offenbar eine Agentin Richelieus war - aber woher der Herzog das alles weiß, ist natürlich schleierhaft.

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